„Eine radiologische Abteilung muss wachsen“

PD. Dr. Jörg Barkhausen

Interview mit PD. Dr. Jörg Barkhausen vom Universitätsklinikum Essen über vier Jahre Erfahrungen mit RIS-PACS

Im Jahre 1999 wurde im Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie des Universitätsklinikums Essen ein radiologisches Informationssystem (RIS) angeschafft. Anfang 2002 war es dann so weit, es folgte das lang ersehnte Bildarchivierungs- und Kommunikationssystem (PACS). Der Leitende Oberarzt PD. Dr. Jörg Barkhausen gibt Auskunft über seine Erfahrungen mit dem Betrieb eines RIS-PACS.

Sie haben profunde Erfahrung im Umgang mit einem PACS. Wo liegt der Hauptvorteil?
Barkhausen: Der entscheidende Punkt ist, dass Bilder immer und überall verfügbar sind. Bei dem hohen Stellenwert den Röntgenbilder bei vielen medizinischen Entscheidungen haben, beschleunigt das alle Arbeitsabläufe im Krankenhaus. PACS ist kein Radiologie-System sondern ein System für das gesamte Klinikum und die Vorteile der digitalen Bildverteilung sind bei den klinischen Kollegen noch deutlicher zu spüren als direkt in der Radiologie. Außerdem werden in Zukunft sicher nicht nur Radiologen ihre Bilder in einem PACS verwalten, sondern auch andere Fachrichtungen die Bilder erstellen, wie zum Beispiel Kardiologen, Gastroenterologen, Pathologen, Dermatologen und viele andere mehr.

Sie sagen, mit Einführung eines PACS haben sich im Qualitätsmanagement deutliche Veränderungen ergeben. Schnelle Befunderstellung und Befundübermittlung bei gleichzeitiger dramatischer Kostenersparnis seien mit einem PACS-System möglich. Doch der Beweis, dass PACS direkte Kosten senkt, ist bisher nicht erbracht worden. Machen Sie eine Ausnahme?
Barkhausen: PACS reduziert sicher nicht die direkten Kosten in der Radiologie. Statt Archivkräften braucht man Administratoren, die das System pflegen und statt Filmen und Chemie muss man regelmäßig in neue Hardware investieren, da Rechner und Monitore nur eine begrenzte Lebensdauer haben. Eine Kostenersparnis ergibt sich eher in anderen Bereichen: Das zeitaufwändige Suchen und Transportieren von Bildern entfällt vollständig und diese Arbeitskräfte können sich mit wichtigeren Aufgaben beschäftigen. Außerdem ermöglicht die schnelle Übermittlung von Bild und Befund ebenso schnelle medizinische Entscheidungen und hilft damit zum Beispiel Liegezeiten zu verkürzen. Außerdem ist PACS für das Qualitätsmanagement extrem hilfreich, beispielsweise lässt sich ganz einfach sicherstellen, dass es wirklich zu allen Bilder einen schriftlichen Befund gibt. Ohne PACS verschwinden gerade notfallmäßig angefertigte Bilder häufig unbefundet mit dem Patienten in den OP oder auf die Intensivstation.


Durch PACS immer und überall verfügbar: MRT-Aufnahmen am Universitätsklinikum Essen

Wird die Radiologie mit PACS produktiver?
Barkhausen: Ein gut funktionierendes PACS erhöht definitiv die Produktivität der Radiologie und eines Krankenhauses. Wir haben seit der Einführung von PACS in allen Bereichen die Zahl der Untersuchungen deutlich gesteigert, insgesamt um mehr als 30%, ohne dass eine zusätzliche Stelle im ärztlichen Bereich geschaffen werden musste.


Durch PACS immer und überall verfügbar: MRT-Aufnahmen am Universitätsklinikum Essen

Generalist oder Spezialist – verändert PACS das Tätigkeitsprofil des Radiologen?
Barkhausen: Ein einzelner Arzt kann nicht mehr die gesamte Radiologie von Kopf bis Fuß abdecken und in allen Bereichen der Medizin mit den Klinikern auf Augenhöhe kommunizieren. Daher ist in der Radiologie zunehmend eine Subspezialisierung erforderlich. Vorraussetzung dafür ist eine ausreichend große Anzahl an Ärzten, um alle Bereiche abdecken zu können und gleichzeitig eine ausreichende Anzahl an Untersuchungen. Nur so kann man diese subspezialisierten Ärzte auslasten und ihnen die Möglichkeit geben, auch in neuen Bereichen rasch Erfahrungen zu sammeln. Daher muss eine radiologische Abteilung wachsen, um konkurrenzfähig und innovativ zu bleiben.

Zu den jährlich 150.000 radiologischen Untersuchungen hat Ihre Abteilung nochmals 60.000 des Elisabethen-Krankenhauses in unmittelbarer Nähe übernommen. Ist das Ausdruck Ihrer Wachstumsstrategie?
Barkhausen: Ja genau, das war für uns der entscheidende Grund, die radiologische Versorgung eines weiteren Krankenhauses zu übernehmen. PACS ermöglicht hier den Aufbau von Netzwerken, und ermöglicht eine Subspezialisierung, ohne dass an jedem Standort ein Spezialist anwesend sein muss. Die Subspezialisierung verändert darüber hinaus sicher auch die Zusammenarbeit zwischen Radiologen und Klinikern, da Probleme kompetenter diskutiert und schneller gelöst werden können.

Das Interview führte Dipl.-Ing. Biomed.-Technik Claus Schwing